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Guten Morgen,
Europa ist nicht allein: Auch in den
USA spitzt sich die Staatsschuldenkrise weiter zu. Heute Nacht
erklärte das vom Kongress eingesetzte Super-Komitee sein eigenes
Scheitern. Das anvisierte Sparziel von 1,2 Billionen Dollar in zehn Jahren wurde
nicht mal in Trippelschritten angegangen. Demokraten und Republikaner haben sich
ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl nichts mehr zu sagen, außer "nein". Beide
Lager sollten sich an einen Ausspruch Winston Churchills erinnern, der gesagt
hat: "Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer
Leute zu beugen."
Gestern Abend war Josef Ackermann zu Gast bei
der Passauer Verlagsgruppe. Im Gepäck hatte er Selbstkritisches ("Natürlich war
das kein reibungsloser Übergang") und eine Gewissheit: Er werde auf jeden Fall
bis zum 31. Mai Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank bleiben. "Es bleibt
dabei, absolut", sagte Ackermann.
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In der Bank ist man sich dessen nicht ganz so
sicher und will am Tag X auf keinen Fall mit leeren Händen dastehen. Ein
Nahestehender des Vorstandschefs rief deshalb dieser Tage in der Chefredaktion
des Handelsblatts an und bat um die Übersendung des handsignierten Originals
einer Ackermann-Karikatur, die wir in der vergangenen Woche gedruckt
hatten. "Der Jo mochte sie sehr", hieß es. Wir tun natürlich, was wir können, um
den Abschied von der Macht zu versüßen. Die Zeichnung (siehe nebenstehende
Kopie) ist bereits nach Frankfurt unterwegs.
An der Börse werden
Erwartungen gehandelt, heißt es immer. Gemeint sind vor allem
Gewinnerwartungen. Da sich der große Tag der ersten Dividendenzahlungen
nähert, hat unser Research-Team um Ulf Sommer zusammen mit den Experten der
Commerzbank für die Top-30-Dax-Konzerne die Dividendenrenditen errechnet.
Bei dieser Berechnung spielen die gemeldeten Quartalsgewinne ebenso eine Rolle
wie die angekündigte Dividendenpolitik der Vorstände. Dabei fiel auf, dass viele
Konzerne mehr ausschütten als es der nachhaltigen Unternehmensentwicklung gut
tut. Die Telekom reicht fast den gesamten Jahresgewinn 2011 an die Aktionäre
weiter. Das Geld für Investitionen dürfte bald fehlen. Der Versicherer Munich Re
schüttet sogar mehr an die Anleger aus, als er erwirtschaftet hat. Man will
die Anleger offenbar mit Erfolgen beeindrucken, die es in der wahren Welt gar
nicht gab. Unsere Titelgeschichte "Die Wahrheit über die
Rekord-Dividenden" trennt den Schein vom Sein. Auf sechs Sonderseiten werden
die Aktionäre aufgeklärt - auch darüber, dass weniger manchmal mehr
ist.
Die Ratingagentur Moody’s warnte gestern vor einer
Herabstufung Frankreichs. Die Aktienmärkte gaben kräftig nach. Diese
bedrohlich klingende Begleitmusik kommt EU-Kommissionspräsident José Manuel
Barroso nicht ungelegen. Er kämpft - trotz Merkels Machtwort - für die
Einführung von Euro-Bonds. Am Mittwoch will er sein Konzept vorstellen.
Die ökonomische Vernunft hat er zwar gegen sich, aber die politische Mehrheit im
Europa der Schuldnerstaaten ist ihm gewiss. Das Primat des Politischen kann auch
eine Bedrohung sein.
Um die Neubesetzung des Chefpostens der
milliardenschweren Bergbau-Stiftung RAG wird heftig gerungen. Unser
Unternehmensressort skizziert den Frontverlauf. Die Recherchen ergaben: Die
Chancen für den bisherigen Favoriten, Ex-Wirtschaftsminister Werner
Müller, schwinden. Das muss für die RAG keine gute Nachricht
sein.
Der frühere Ministerpräsident Stefan Mappus wird nun doch
nicht Repräsentant des Pharmakonzerns Merck in Südamerika. Die offizielle
Version lautet: Freiwillig habe er um Auflösung des Vertrages gebeten.
Inoffiziell ist klar, dass ihn Vorstand und Eigentümerfamilie zu dieser
Freiwilligkeit ermuntert haben. Pech auch für die Trinkfesten unter seinen
Parteifreunden. Denen hatte er auf dem letzten CDU-Parteitag noch zugerufen, sie
seien alle auf einen Caipirinha eingeladen.
Ich wünsche Ihnen einen
schwungvollen Start in den neuen Tag. Herzlichst Ihr
Gabor
Steingart Chefredakteur
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