Roberto Abraham Scaruffi

Tuesday, 22 November 2011


DIENSTAG, 22. NOVEMBER 2011
Guten Morgen,
Europa ist nicht allein: Auch in den USA spitzt sich die Staatsschuldenkrise weiter zu. Heute Nacht erklärte das vom Kongress eingesetzte Super-Komitee sein eigenes Scheitern. Das anvisierte Sparziel von 1,2 Billionen Dollar in zehn Jahren wurde nicht mal in Trippelschritten angegangen. Demokraten und Republikaner haben sich ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl nichts mehr zu sagen, außer "nein". Beide Lager sollten sich an einen Ausspruch Winston Churchills erinnern, der gesagt hat: "Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen."

Gestern Abend war Josef Ackermann zu Gast bei der Passauer Verlagsgruppe. Im Gepäck hatte er Selbstkritisches ("Natürlich war das kein reibungsloser Übergang") und eine Gewissheit: Er werde auf jeden Fall bis zum 31. Mai Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank bleiben. "Es bleibt dabei, absolut", sagte Ackermann.
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In der Bank ist man sich dessen nicht ganz so sicher und will am Tag X auf keinen Fall mit leeren Händen dastehen. Ein Nahestehender des Vorstandschefs rief deshalb dieser Tage in der Chefredaktion des Handelsblatts an und bat um die Übersendung des handsignierten Originals einer Ackermann-Karikatur, die wir in der vergangenen Woche gedruckt hatten. "Der Jo mochte sie sehr", hieß es. Wir tun natürlich, was wir können, um den Abschied von der Macht zu versüßen. Die Zeichnung (siehe nebenstehende Kopie) ist bereits nach Frankfurt unterwegs.

An der Börse werden Erwartungen gehandelt, heißt es immer. Gemeint sind vor allem Gewinnerwartungen. Da sich der große Tag der ersten Dividendenzahlungen nähert, hat unser Research-Team um Ulf Sommer zusammen mit den Experten der Commerzbank für die Top-30-Dax-Konzerne die Dividendenrenditen errechnet. Bei dieser Berechnung spielen die gemeldeten Quartalsgewinne ebenso eine Rolle wie die angekündigte Dividendenpolitik der Vorstände. Dabei fiel auf, dass viele Konzerne mehr ausschütten als es der nachhaltigen Unternehmensentwicklung gut tut. Die Telekom reicht fast den gesamten Jahresgewinn 2011 an die Aktionäre weiter. Das Geld für Investitionen dürfte bald fehlen. Der Versicherer Munich Re schüttet sogar mehr an die Anleger aus, als er erwirtschaftet hat. Man will die Anleger offenbar mit Erfolgen beeindrucken, die es in der wahren Welt gar nicht gab. Unsere Titelgeschichte "Die Wahrheit über die Rekord-Dividenden" trennt den Schein vom Sein. Auf sechs Sonderseiten werden die Aktionäre aufgeklärt - auch darüber, dass weniger manchmal mehr ist.

Die Ratingagentur Moody’s warnte gestern vor einer Herabstufung Frankreichs. Die Aktienmärkte gaben kräftig nach. Diese bedrohlich klingende Begleitmusik kommt EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nicht ungelegen. Er kämpft - trotz Merkels Machtwort - für die Einführung von Euro-Bonds. Am Mittwoch will er sein Konzept vorstellen. Die ökonomische Vernunft hat er zwar gegen sich, aber die politische Mehrheit im Europa der Schuldnerstaaten ist ihm gewiss. Das Primat des Politischen kann auch eine Bedrohung sein.

Um die Neubesetzung des Chefpostens der milliardenschweren Bergbau-Stiftung RAG wird heftig gerungen. Unser Unternehmensressort skizziert den Frontverlauf. Die Recherchen ergaben: Die Chancen für den bisherigen Favoriten, Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller, schwinden. Das muss für die RAG keine gute Nachricht sein.

Der frühere Ministerpräsident Stefan Mappus wird nun doch nicht Repräsentant des Pharmakonzerns Merck in Südamerika. Die offizielle Version lautet: Freiwillig habe er um Auflösung des Vertrages gebeten. Inoffiziell ist klar, dass ihn Vorstand und Eigentümerfamilie zu dieser Freiwilligkeit ermuntert haben. Pech auch für die Trinkfesten unter seinen Parteifreunden. Denen hatte er auf dem letzten CDU-Parteitag noch zugerufen, sie seien alle auf einen Caipirinha eingeladen.

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in den neuen Tag. Herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Chefredakteur
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Die Wahrheit hinter den Rekord-Dividenden
Viel Schein, wenig Sein: Manche Vorstandschefs treten vor die Anleger wie der Kaiser ohne Kleider: Die Telekom schüttet fast den gesamten Jahresgewinn 2011 aus. Geld für Investitionen fehlt. Der Versicherer Munich Re reicht sogar mehr an die Anleger weiter, als er erwirtschaftet hat.

Die Schuldenkrise bedroht nun auch Frankreich
Die Ratingagantur Moody’s warnt vor einer Herabstufung des Landes. Die Aktienmärkte geben kräftig nach.

Bundesbank warnt vor einem Abschwung
Die Schuldenkrise erhöht die Gefahr einer Rezession, schreibt die Bundesbank in ihrem Monatsbericht.

Handelsriese strebt nach Deutschland
Der niederländische Handelskonzern Ahold will im kommenden Jahr zehn Supermärkte eröffnen.

Reebok: Fitness im Armee-Stil
Die Adidas-Tochter will zum "Fitness-Imperium" werden. Eine Imagekampagne und der martialisch angehauchte Trend "Cross-Fit" sollen dabei helfen.

Machtkampf um RAG-Stiftung
Um die Neubesetzung des Chefpostens der milliardenschweren Bergbau-Stiftung wird heftig gerungen.

Reeder Hapag-Lloyd verliert Marktanteile
Hapag-Lloyd-Chef Michael Behrendt ist Profitabilität wichtiger, sagt er dem Handelsblatt.

Mappus und Merck trennen sich
Der frühere Ministerpräsident wird nun doch nicht Repräsentant des Pharmakonzerns Merck in Südamerika. Eine Folge der EnBW-Affäre.

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Großer Stillstand in Washington
Aus. Vorbei. Das Super-Komitee, das den zerstrittenen Parteien in Washington einen Weg aus der Schuldenkrise weisen sollte, ist grandios gescheitert. In der US-Politik ist offenbar überhaupt nichts mehr möglich. Es wird hässlich.
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Angst vor Inflation
Die Enteignung der Sparer beginnt
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Thyssen-Krupp
Berthold Beitz bereitet sein Erbe vor
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Fondsmanager-Gipfel
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Britische Institute zeigen Euro-Banken kalte Schulter
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Private Finanzen
Was Handelsblatt-Redakteure für die Geldanlage raten
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Angst vor Rezession geht um
Die Euro-Krise ist im Herzen Europas angekommen. Und auch die USA können ihre Schulden nicht länger verstecken. Experten warnen vor einer weltweiten Rezession. Heute dürfte der Dax seine Talfahrt aber ein wenig bremsen.
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Sixt wird profitabler
Der Autovermieter hat nach Ansicht von Analysten seinen Gewinn im dritten Quartal kräftig gesteigert. Sie rechnen beim Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit einem Plus von 13,7 Prozent auf gut 57 Millionen Euro. Der Umsatz dürfte um 2,5 Prozent auf 417 Millionen Euro gestiegen sein.

Gute Zahlen bei Schaeffler
Der Autozulieferer, der nach wie vor von der guten Autokonjunktur profitiert, wird heute auch für das dritte Quartal noch einmal sehr gute Zahlen vorlegen. Allerdings lasten auf dem operativen Geschäft Nettoschulden von gut sechs Milliarden Euro.

Vermittlungsausschuss berät über unterirdische CO2-Speicher
Der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat befasst sich mit einem neuen Anlauf für das von den Ländern abgelehnte Gesetz zur unterirdischen CO2-Speicherung. Eine erste Sitzung hierzu war vor zwei Wochen ergebnislos geblieben. Mit dem Gesetz soll bis 2017 die sogenannte CCS-Technologie erprobt werden. Die schwarz-gelbe Bundesregierung sieht die CCS-Technologie als Hoffnung für mehr Klimaschutz, weil dabei etwa bei Kohlekraftwerken das CO2 nicht mehr in die Atmosphäre geblasen, sondern abgetrennt und unterirdisch gespeichert wird. Niedersachsen und Schleswig-Holstein pochen wegen Bedenken vieler Bürger auf Ausstiegsklauseln, um CO2-Lager bei sich zu verhindern.

Bundestag beginnt abschließende Beratungen über Haushalt 2012
Der Bundestag beginnt heute mit den abschließenden Beratungen über den Bundeshaushalt für das kommende Jahr. Endgültig will das Parlament das Haushaltsgesetz an diesem Freitag beschließen. Der Haushaltsentwurf sieht Gesamtausgaben des Bundes in Höhe von 306,2 Milliarden Euro vor. Für 2012 ist nach den Beratungen des Haushaltsausschusses eine Neuverschuldung von 26,1 Milliarden Euro geplant. Das sind 1,1 Milliarden weniger als im ursprünglichen Entwurf von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vorgesehen.
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Papademos redet mit Juncker über Milliardenhilfen
Griechenlands neuer Ministerpräsident Lukas Papademos wird heute mit dem Chef der Euro-Gruppe, dem luxemburgischen Regierungschef Jean-Claude Juncker, über künftige Milliardenhilfen der Euro-Staaten für sein Land reden. Dabei dürfte es vor allem um die Forderung der Euro-Gruppe gehen, alle wichtigen Politiker Griechenlands müssten sich schriftlich verpflichten, auch in Zukunft nicht von einer Sparpolitik zur Sanierung des Staatshaushaltes abzuweichen.

Monti trifft EU-Spitzen in Brüssel
Der neu gewählte italienische Ministerpräsident Mario Monti trifft mit den EU-Spitzen in Brüssel zusammen. Mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy wird der Wirtschaftsfachmann über Sparbemühungen und Reformen seines Landes sprechen. Auch die Diskussion um Euro-Bonds könnte eine Rolle spielen. Monti gilt als Befürworter von Gemeinschaftsanleihen.
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HP verliert weniger als erwartet
Der Computerbauer Hewlett-Packard verliert Milliarden - und freut sich dennoch. Dass die Bilanz nicht so düster aussieht wie von Analysten erwartet, ist auch einer radikalen Entscheidung im Geschäft mit Tablets zu verdanken.
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MF-Global sucht immer noch Kundengelder
Die Wall-Street Firma MF Global hatte Anfang des Monats Konkurs angemeldet und für Aufsehen gesorgt. Weiterhin wird nach Kundengeldern gesucht und der Fehlbetrag ist womöglich viel höher als bisher angenommen.
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Schuldenstreit schickt Wall Street steil abwärts
Die schlechten Nachrichten aus Europa waren nur das "Tüpfelchen auf dem i". Auch das Scheitern des "Super-Komitees" zum Abbau der US-Staatsverschuldung belastete den Markt. Eine Branche traf es besonders stark.
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Asiens Wachstum lässt nach
Während Europa und die USA immer tiefer in der Krise versinken, haben immerhin noch die fernöstlichen Schwellenländer die Konjunktur gestützt. Doch nun warnt die Weltbank: Auch sie sind nicht immun.
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Mitten im Geschehen
Der deutsche Brandschutzhersteller Minimax hat Singapur als Basis für Südostasien gewählt: Die Standortbedingungen sind sehr gut, und alle Märkte der Region sind leicht erreichbar. Auch die Nachfrage ist hoch.
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Nikkei hält sich knapp über Tsunami-Tiefstand
Die Schuldenprobleme in den USA und Europa belasten die Tokioter Börse. Der Nikkei hält sich knapp über dem Tiefstand nach dem Erdbeben im März. Die Olympus-Aktie spielt erneut verrückt.
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FÜR SIE GELESEN - HANDELSBLATT PRESSESCHAU
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Wer ist schuld am Scheitern des Super-Komitees? Die internationalen Medien kritisieren einen verantwortungslosen Kongress, die Engstirnigkeit der Parteien und die politische Kultur der USA. Folgen für die US-Wirtschaft werde dies aber nicht haben.

Die Financial Times Deutschland bezeichnet das Scheitern des Super-Komitees als Riesenblamage für die USA und Ausdruck der Verantwortungslosigkeit eines "Do-nothing-Kongresses". Die niedrigen Kapitalmarktzinsen, mit denen die Amerikaner derzeit verwöhnt würden, hätten zur Selbstgefälligkeit geführt.

Das Wall Street Journal sieht den Grund für die Unfähigkeit der Politiker, sich zu einigen, in der politischen Kultur der USA. Die Wähler müssten erst zeigen, dass sie die Gesetzgeber für ihr Unvermögen, sich zusammenzusetzen und anzupacken, bestrafen werden.

Der britische Economist glaubt nicht, dass die gescheiterte Einigung kurzfristig zu einem Problem für die amerikanische Wirtschaft werden könne. Die internationale Krise treibe Investoren derzeit in die Hände des US-Fiskus. Die Rendite auf zehnjährige amerikanische Anleihen sei wieder unter zwei Prozent gefallen.
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