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Guten Morgen,
jahrzehntelang hat die drittgrößte
Volkswirtschaft der Welt uns mit TV-Geräten, Kameras, Autos und dem Walkman
versorgt. Heute wird die Regierung in Tokio zum ersten Mal seit 31 Jahren ein
Handelsbilanzdefizit verkünden. Hatte Japans Exportkraft Mitte der
90er-Jahre einen Handelsbilanzüberschuss von umgerechnet mehr als 100 Milliarden
Euro hervorgebracht, so wird dort jetzt ein Minus von 23 Milliarden Euro
erwirtschaftet. Die Experten, mit denen unser Tokio-Korrespondent Martin Kölling
für seine Titelgeschichte "Ende eines Exportwunders" sprach, werten das
Defizit als Wendepunkt in der japanischen Geschichte. "Wir werden ab jetzt
kontinuierlich ein Handelsbilanzminus erleben", sagt Hiromichi Shirakawa,
Chefvolkswirt der Bank Credit Suisse in Tokio. So grausam kann Geschichte sein:
Das neue Japan heißt China.
Lohndumping ist kein
Kavaliersdelikt: 450 Zollfahnder durchsuchten gestern in fünf
Bundesländern 60 Standorte der Lebensmittelhändler Netto und
Kaufland. Der Verdacht: Die Unternehmen sollen Tarifverträge und
Mindestlöhne umgangen haben, indem sie Lagerarbeiter und Gabelstaplerfahrer über
illegale Werkverträge einsetzten.
Die Partnerschaft von Konzernchefs
und Gewerkschaften funktioniert weiterhin: Das Management von Eon und
die Gewerkschaften Verdi und IG BCE haben ihren monatelangen
Streit um den geplanten radikalen Stellenabbau bei Eon beigelegt. Die
Parteien einigten sich gestern auf einen Tarifvertrag, der die Reduzierung der
Belegschaft von derzeit 85.000 um 11.000 Stellen sozialverträglich regeln soll.
Das ist bitter für die Betroffenen, aber im Interesse der Gesamtunternehmung
notwendig. Konzernchef Johannes Teyssen ist nicht der gefühllose Vollstrecker,
zu dem er erklärt wurde. Die ihm vererbte Doppelstruktur in der
Konzernführung und Merkels Energiewende haben ihn zum Handeln
gezwungen.
Guido Westerwelle schaltet sich in die Debatte um die
Zukunft Europas ein: In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt fordert
der Außenminister, die bisherige Griechenlandpolitik der Kanzlerin, die
einseitig auf Sparen und Verzichten setzt, zu überdenken. Im Kampf gegen eine
weitere Zuspitzung der Krise, so Westerwelle, sei die Konsolidierung der
Haushalte nur die halbe Miete. Die Rückkehr auf einen nachhaltigen
Wachstumspfad könne so nicht gelingen. "Unsere Strategie muss intelligente
Impulse für ein gutes, nachhaltiges Wachstum setzen." Ich wünsche diesem Beitrag
die Aufmerksamkeit, die er verdient. Der Grundgedanke ist nicht deshalb falsch,
weil er von Westerwelle kommt.
Mit einer Rede von Bundeskanzlerin
Merkel wird heute das 42. Weltwirtschaftsforum im Schweizer Kurort
Davos eröffnet. Bis zum 29. Januar suchen 2.600 führende Personen aus
Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nach Lösungen, etwa für
die Schulden- und Konjunkturkrise. Zusammen mit drei Handelsblatt-Kollegen habe
ich mich in Davos einquartiert. Wir sind gespannt, welche Schlussfolgerungen
Politiker und Wirtschaftsführer aus der Dauerkrise, die auch eine Sinnkrise
unserer Marktwirtschaft bedeutet, für ihr Verhalten ziehen werden. Auch das
Wort "Elite" muss stets aufs Neue verdient werden.
Das hätten sich die
Easy-Rider Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson Ende der 60er
wohl nicht träumen lassen. Harley-Davidson baut mittlerweile auch
Dreiräder, die den reiferen Fahrer sicher nach Hause bringen. Die Strategie
wirkt: Gestern meldete der Hersteller der Kultmotorräder für 2011 ein
Umsatzplus von zwölf Prozent auf 4,7 Milliarden Dollar. Der
Nettogewinn belief sich auf knapp 600 Millionen Dollar - viermal so viel
wie noch ein Jahr zuvor. Der einzige Wermutstropfen: Die Dreirad-Harleyfahrer
werden von den Traditionsbikern nicht mit dem traditionellen Harleygruß
gegrüßt. Sie gelten als Verräter. Vielleicht sollten wir Autofahrer die
Light-Rocker künftig mit Lichthupe grüßen. Wir sind ihre neue
Ersatzfamilie.
Ich wünsche Ihnen einen heiteren Tagesbeginn. Es grüßt Sie
herzlichst Ihr
Gabor Steingart Chefredakteur
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