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Montag, 21. Mai
2012
Guten Morgen,
der Arbeitsalltag von Angela Merkel
gleicht immer mehr einem Spießrutenlauf. Ob am Samstag in Camp
David oder am Sonntag in Chicago beim Nato-Gipfel: Immer drängender
wird sie mit den Wünschen der Partner konfrontiert, die Deutschen mögen ihre so
reichlich sprudelnden Steuermilliarden zur Rettung von Weltwirtschaft und
Weltfrieden einsetzen. Merkel gab sich bei beiden Auftritten zugeknöpft.
Aber wie lange noch?
Schützenhilfe für die Fraktion derer, die mehr
Wachstumsimpulse und weniger staatliche Sparsamkeit wünschen, kommt jetzt
auch von der ILO, der International Labour Organization. Ein Bericht
dieser renommierten, von allen Staaten der Welt unterstützten Organisation liegt
uns exklusiv vor. Darin wird Deutschlands Sparpolitik als Irrweg für Südeuropa
gegeißelt, weil er die Jugend - oder soll man sagen die Zukunft? - dieser
Länder in der Falle der Arbeitslosigkeit gefangen hält. In
Griechenland und Spanien hat jeder zweite unter 25-Jährige keine
Beschäftigung. Der Bericht spricht von einer "verlorenen Generation". Unsere
Titelgeschichte "'Verlorene Generation' flieht nach Deutschland"
analysiert die Lage in den Krisenländern und beschreibt die Folgen für den
deutschen Arbeitsmarkt.
Spaniens Budgetdefizit ist schon wieder höher
als angegeben. Madrid entdeckte ein paar unbezahlte Rechnungen, natürlich in
Milliardenhöhe. Als kürzlich der spanische Wirtschaftsminister Luis de
Guindos unsere Redaktion besuchte, hatten wir gleich ein ungutes Gefühl: Der
Mann, der uns lauter Erfolgszahlen präsentierte, hat früher bei der
Pleitebank Lehman Brothers gearbeitet. Heute Morgen werden die
Finanzmärkte zu verstehen geben, was sie von der neuen spanischen Regierung
halten.
Der Brite Suma Chakrabarti wird neuer Chef der
Osteuropabank. Er löst den Deutschen Thomas Mirow ab. Der Vorgang
beweist einmal mehr, dass das Leistungsprinzip in Europa außer Kraft gesetzt
wurde. Der ehemalige Berliner Kanzlerberater Mirow war inhaltlich stark, aber
das politische Proporzdenken in Brüssel war stärker. Die Briten waren mal
wieder dran.
Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke muss heute im
schließungsbedrohten Bochumer Werk den Sanierungsplan vor der Belegschaft
verteidigen. Das wird nicht leicht. IG-Metall-Chef Berthold Huber hat das
Argument auf seiner Seite, wenn er sagt: "Wer Opel gegen die Belegschaft
sanieren will, hat schon verloren."
Die Metro kämpft: Der
schleppende Geschäftsverlauf und durchwachsene Ergebnisse belasten die Aktie.
Für Vorstandschef Olaf Koch gibt es viel zu tun, um Deutschlands größten
Handelskonzern wieder flottzumachen. In unserer Serie "Dax Konzerne
ungeschminkt" beschreibt die Handels-Expertin unserer Zeitung, Kirsten Ludowig,
die Stärken und Schwächen des Unternehmens. Zu den Schwächen gehört ihrer
Analyse zufolge der schrumpfende Umsatz und die zum Teil fragwürdige
Auslandsexpansion. Als Stärken nennt sie die hohe Kapitalverzinsung des
Unternehmens und der unbedingte Wille des erst 41-jährigen Vorstandschefs: "Für
Koch spricht seine Konsequenz."
Der Rausschmiss Norbert Röttgens
aus dem Bundeskabinett landet zwar nicht vor dem Arbeitsgericht, aber vor
der Unionsfraktion. Dort will man am Mittwoch über den richtigen Umgang
miteinander sprechen. Die aktuelle Ausgabe des "Spiegel", in der unter der
Überschrift "Ziemlich beste Feinde" ein höchst lesenswerter Titel über Neid
und Niedertracht in der deutschen Politik steht, könnte dort als
Diskussionsgrundlage dienen. Präzise wird das Gegeneinander der letzten Wochen -
Seehofer gegen Merkel, Merkel gegen Röttgen und alle gegen Rösler - dargestellt.
Eines kann man von dieser Politikergeneration in jedem Fall lernen - wie man
es im zwischenmenschlichen Umgang besser nicht macht. Unter "mitfühlendem
Konservatismus" hatte sich das geneigte Publikum etwas anderes
vorgestellt.
Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in diese
Vor-Pfingstwoche. Es grüßt Sie herzlichst Ihr
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Gabor Steingart Chefredakteur
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